Christoph Bäumer über Extremwetter, Brandschutz und Nachwuchsförderung
Allgemeine Zeitung Coesfeld vom 20.02.2026
COESFELD. Vermehrte Notrufe aufgrund von Extremwetterlagen, verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen und ein neuer Einsatzrekord: Das sind die Schlagworte, die Christoph Bäumer, Leiter der Feuerwehr Coesfeld, beim Blick auf das Jahr 2025 nennt. Im Interview mit Redakteurin Jule Müller spricht er auch über die Wichtigkeit von Weiterbildungen und die Herausforderung der Mitgliedergewinnung.
Wie blicken Sie insgesamt auf das vergangene Jahr bei der Feuerwehr Coesfeld zurück?
Christoph Bäumer: Im vergangenen Jahr hatten wir insgesamt 633 Einsätze – das ist seit Jahren die höchste Einsatzzahl für die Feuerwehr Coesfeld. Die Entwicklung war absehbar: In den letzten fünf Jahren haben wir eine steigende Tendenz festgestellt, im Vergleich zum Vorjahr waren es grob rund 100 Einsätze mehr.
Womit erklären Sie sich die Zunahme der Einsätze?
Bäumer: Das kann zum Teil daher kommen, dass die hauptamtliche Wache seit dem vergangenen Jahr die Rettungsdienste bei Reanimationseinsätzen unterstützt. Bei entsprechenden Alarmierungen rücken wir zusätzlich aus und ergänzen den Rettungsdienst. Gleichzeitig kommt das Corhelper-System zum Einsatz, bei dem medizinisch geschulte Ersthelfer per App alarmiert werden. So kann oft schon vor Eintreffen von Rettungswagen und Notarzt lebensrettende Hilfe geleistet werden. Durch die Unterstützung der hauptamtlichen Wache – deren Einsatzkräfte über rettungsdienstliche Ausbildung verfügen – können Kapazitäten im Rettungsdienst besser genutzt und die Hilfe für die Bevölkerung weiter verbessert werden.
Wie haben sich die Einsätze im Vergleich zu den Vorjahren verändert?
Bäumer: Auffällig ist, dass wir keine klassischen Großbrände hatten, wie etwa Brände landwirtschaftlicher Anwesen. Stattdessen hat sich das Einsatzgeschehen deutlich verschoben: Vegetationsbrände sowie wetterbedingte Einsätze durch Gewitter und Starkregen haben zugenommen. Diese Art von Ereignissen häuft sich seit einigen Jahren, sodass man klar von einer Entwicklung hin zu wetterbedingten Einsatzarten sprechen kann. Die großen Brände, wie wir sie noch vor zehn Jahren kannten, treten derzeit deutlich seltener auf – was eine positive Entwicklung ist. Der vorbeugende Brandschutz greift besser, insbesondere in der Landwirtschaft. Durch Modernisierungen und den Einsatz zeitgemäßer elektronischer Anlagen sind viele Risiken heute deutlich reduziert im Vergleich zu früher.
Welche Einsätze oder Ereignisse haben das Jahr besonders geprägt?
Bäumer: Einen einzelnen Großeinsatz gab es im vergangenen Jahr nicht, abgesehen von den Unwetterlagen. Besonders gefordert hat uns jedoch ein schwerer Unfall in Lette, bei dem ein junger Mann ums Leben kam. Da viele der eingesetzten Kräfte den Betroffenen persönlich kannten, lag der Fokus anschließend klar auf der Nachsorge. Gerade bei schweren technischen Hilfeleistungen oder Einsätzen mit persönlicher Nähe ist die psychische Betreuung unserer Einsatzkräfte sehr wichtig. Dafür greifen wir auf spezialisierte Betreuungsteams zurück, die außerhalb der eigenen Einheit stehen. So stellen wir sicher, dass die Kolleginnen und Kollegen die nötige Unterstützung erhalten.
Welche Bedeutung haben Ausbildung und Weiterbildung für die Einsatzbereitschaft?
Bäumer: Die Ausbildung unserer Einsatzkräfte erfolgt über die regulären Lehrgänge und Seminare des Instituts der Feuerwehr sowie über standort- und kreisbezogene Schulungen. Zusätzlich haben wir im vergangenen Jahr eine spezielle Wochenendausbildung zum Thema Vegetationsbrand durchgeführt. Dabei wurden unsere Kräfte durch einen externen Dozenten in Theorie und Praxis auf Vegetations-, Wald- und Unterholzbrände vorbereitet. Diese Einsatzlagen erfordern andere Taktiken als klassische Brandeinsätze und gewinnen durch zunehmende Trockenheit an Bedeutung. Auch wenn es in Coesfeld keine großen Waldbrände gab, hatten wir zuletzt mehrere größere Vegetationsbrände, auf die wir uns gezielt vorbereiten.
Vor welchen Herausforderungen stand und steht die Feuerwehr?
Bäumer: Die Mitgliedergewinnung wird in den kommenden Jahren ein zentrales Thema für uns bleiben. Durch altersbedingte Abgänge müssen wir unsere Mindeststärke in der freiwilligen Feuerwehr sichern. Im vergangenen Jahr haben wir deshalb unter anderem einen Tag der offenen Tür durchgeführt, der auf großes Interesse gestoßen ist. Besonders erfreulich ist der starke Zulauf in der Jugendfeuerwehr. Diese Jugendlichen wechseln mit 18 Jahren in der Regel zuverlässig in den aktiven Dienst. Schwieriger gestaltet sich jedoch die Gewinnung externer Neueintritte. Das Ehrenamt bei der Feuerwehr ist zeitlich anspruchsvoll und erfordert ein hohes Maß an Engagement – dessen muss man sich bewusst sein. Umso wichtiger ist es für uns, weiter aktiv für das Ehrenamt zu werben.
Wie wichtig ist dann auch die Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen und Behörden?
Bäumer: Bei Unwetterlagen arbeiten wir seit jeher eng mit dem THW zusammen. Seit dem vergangenen Jahr haben wir diese Zusammenarbeit jedoch weiter intensiviert und einen regelmäßigen runden Tisch ins Leben gerufen. Dort tauschen sich Feuerwehr, THW, DRK, Polizei und weitere Organisationen über ihre jeweiligen Möglichkeiten und Unterstützungsleistungen aus. Ziel ist es, Abläufe besser aufeinander abzustimmen und sich im Einsatz optimal zu ergänzen. Dieser regelmäßige Austausch besteht seit 2025 und wird auch im Jahr 2026 konsequent fortgeführt.
Was wünschen Sie sich für Ihr Team in diesem Jahr?
Bäumer: Für uns steht immer an erster Stelle, dass alle Einsatzkräfte gesund von Einsätzen, Übungen und Dienstabenden zu ihren Familien zurückkehren. Gleichzeitig ist es unser Anspruch, die Folgen von Einsätzen für die Betroffenen so gering wie möglich zu halten. Dafür leisten unsere Einsatzkräfte ihren Dienst mit großem Engagement und viel Herzblut. Die Feuerwehr Coesfeld ist eine hochmotivierte und starke Gemeinschaft. 633 Einsätze, so viele wie seit Jahren nicht, forderten die Feuerwehr Coesfeld im vergangenen Jahr.

